• Österreichische Akademie der Wissenschaften - Stephan Moebius (Hrsg.)

Geistes-, sozial- und kulturwissenschaftlicher Anzeiger

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Stephan Moebius
ist Universitätsprofessor für Soziologische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Graz

In welchem Verhältnis stehen die Bedingungen der Möglichkeit von Gesellschaft, soziales Handeln, soziale Ordnungsleistung und sozialer Wandel zu Naturprozessen? Seit ihrer Entstehung ringt die Soziologie mit der Frage, was „Natur“ und was „Gesellschaft“ ausmacht und ob beide Sphären als getrennt oder untrennbar zu denken sind. Die Diskussionen halten bis heute an. Verkompliziert wird jede Verhältnisbestimmung dadurch, dass nicht von vornherein ausgemacht ist, was überhaupt „Gesellschaft“ und was eigentlich „Natur“ sei. Gleichwohl war der Naturbezug für die Herausbildung und das Selbstverständnis der Soziologie prägend. Bereits Auguste Comte arbeitete mit den aus der Biologie stammenden Begriffen „Milieu“, „Organismus“ und „Leben“, um gesellschaftliche Prozesse zu beschreiben. Die Organismus-Metapher erwies sich dabei als ein nicht nur für die Soziologie, sondern auch für benachbarte Sozialwissenschaften wirkmächtiges Bild, mit dem Gesellschaft analog zu Naturprozessen begriffen und beschrieben wurde. Ähnlich verhielt es sich mit dem Konzept der „Evolution“, das durch die Rezeption Darwins prominent wurde, während vitalistische Ansätze die Lebenskraft im Sozialen betonten. Zugleich ist jeder Bezug zu „Natur“ immer schon sozio-kulturell vermittelt. Damit ergibt sich bis heute die Grundsatzfrage, ob die Soziologie eher den Kulturwissenschaften zuzurechnen oder an den Naturwissenschaften zu orientieren sei.

Das von Stephan Moebius herausgegebene Schwerpunktheft beleuchtet den historischen Wandel des Naturverständnisses und -verhältnisses in der Soziologie – von naturalistischen, materialistischen, vitalistischen, pragmatistischen, kultur-, wissens- und geosoziologischen Konzepten bis hin zu Ansätzen, die den Natur-Kultur-Dualismus zu überwinden suchen. Die ökologische Krise verleiht diesen Perspektiven neue Dringlichkeit, wenn sowohl die Handlungsmacht der Natur als auch der Raubbau an ihr in den Fokus rücken.

Mit Beiträgen von Stephan Moebius, Martin Hauff, Markus Schroer, Alexander Wierzock, Heike Delitz, Alexander Bogner und Paul Buntfuß.

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Geistes-, sozial- und kulturwissenschaftlicher Anzeiger
ISSN 2413-5275
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ISSN 2413-5569
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ISBN 978-3-7001-5070-1
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ISBN 978-3-7001-5071-8
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Die Gesellschaft als Organismus? Über die Anfänge und Probleme der Soziologie im Austausch mit der Biologie

    Martin Hauff

Geistes-, sozial- und kulturwissenschaftlicher Anzeiger, 160. Jahrgang 2025, pp. 65-92, 2025/11/25

doi: 10.1553/anzeiger160-1s65

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Abstract

When sociology was founded as an independent discipline in the mid-19th century, it was under pressure to justify itself. The early sociologists oriented themselves towards biology, not only to benefit from the success of an empirically descriptive science but also because they identified structural and functional similarities between society and the biological or-ganism. This article aims to reconstruct historically and systematically the specific areas in which early sociology was inspired by biology and the problems it encountered as a result. In biology itself, there was a dispute about what exactly should be understood as an organ-ism and how holism and teleology, development and evolution, thermodynamics and func-tional relationships should be conceptualized. From the outset, working on these problems also drove a change in sociological theory. The work of Albert Schäffle and Othmar Spann will be discussed in particular. In this way, it can be shown in terms of the history of ideas that there are conceptual differences in how the (social) organism was perceived in 1870 and the perception of the same in 1920.

Keywords: history of sociology; concept of society; social organism; Albert Schäffle; Othmar Spann